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Angebote kalkulieren für Kundenprojekte: Festpreis ohne Bauchschmerzen

Festpreisangebot kalkulieren als Entwickler: Formel, Rechenbeispiel, Risikopuffer je Position und was Abnahme und Abschläge im Werkvertrag bedeuten.

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Thema: Freelancing & Business · Web-Entwicklung

Inhalt (9 Abschnitte)
Angebote kalkulieren für Kundenprojekte: Festpreis ohne Bauchschmerzen

Die meisten Kundenprojekte werden nicht in der Umsetzung unprofitabel, sondern in dem Moment, in dem das Angebot geschrieben wird. Wer eine Zahl aus dem Bauch nennt und dann sechs Wochen lang gegen die eigene Schätzung anprogrammiert, hat kein Entwicklungsproblem, sondern ein Kalkulationsproblem.

Die Kurzantwort

Ein Festpreis (netto) ergibt sich aus den geschätzten Stunden aller Einzelpositionen mal deinem kalkulierten Stundensatz, plus einem Risikoaufschlag auf jede unsichere Position, plus Fremdkosten wie Lizenzen oder Bildrechte. Diese Rechnung liefert allerdings nur deine Untergrenze — den Preis bestimmt der Wert, den das Projekt beim Kunden schafft. Was du nicht seriös bepreisen kannst, gehört nicht in den Festpreis, sondern in eine vorgeschaltete, bezahlte Analysephase.

Warum sich Entwickler systematisch zu niedrig schätzen

Der Grund ist nicht Naivität, sondern ein Denkfehler: Du schätzt den Happy Path. Vor deinem inneren Auge läuft die Version des Projekts, in der die Schnittstelle dokumentiert ist, der Kunde die Texte pünktlich liefert und niemand nach dem Launch noch “nur eine Kleinigkeit” will. Diese Version tritt praktisch nie ein.

Dazu kommt, dass Entwickler nur den Code-Anteil sehen. Der ist bei einem typischen Kundenprojekt aber selten mehr als die Hälfte des Aufwands. Der Rest sind Abstimmungstermine, Rückfragen per Mail, Feedbackschleifen zu Design, Content-Pflege, Deployment, DNS-Umzug, Einweisung des Kunden, Nachbesserungen in den zwei Wochen nach dem Go-Live. Wenn du diese Positionen nicht explizit kalkulierst, bezahlst du sie aus deiner Marge.

Der dritte Faktor ist die Angst vor der eigenen Zahl. Man schreibt eine Summe hin, erschrickt selbst und rundet nach unten, bevor der Kunde überhaupt reagieren konnte. Damit verhandelst du gegen dich selbst — und zwar in der Runde, in der der Kunde noch gar nicht mitspielt.

Erst zerlegen, dann schätzen

Die Methode, die zuverlässig funktioniert, ist banal: Schätze nie ein Projekt, sondern immer nur Einzelteile. Ein Angebot entsteht aus einer Liste von zwanzig bis vierzig Positionen, nicht aus einer Zahl.

Die Zerlegung geht so weit, bis jede Position in einem halben bis maximal zwei Tagen erledigt wäre. Alles, was du nur mit “circa eine Woche” beziffern kannst, ist noch nicht verstanden — und was du nicht verstanden hast, kannst du auch nicht bepreisen. Diese Positionen markierst du getrennt und behandelst sie als Risiko, nicht als Schätzung.

Der angenehme Nebeneffekt: Die Zerlegung ist gleichzeitig deine Leistungsbeschreibung. Was in der Liste steht, ist drin. Was nicht drinsteht, ist ein Änderungswunsch. Das erspart dir später die zermürbende Diskussion darüber, was “die Website” eigentlich umfasste.

Die Positionen, die fast alle vergessen

In vielen Kalkulationen fehlen dieselben Punkte:

  • Kommunikation. Termine, Protokolle, Rückfragen, Erinnerungen an ausstehende Zulieferungen. Bei kommunikationsintensiven Kunden ist das ein spürbarer Anteil des Gesamtaufwands.
  • Content-Einpflege. Kunden unterschätzen fast immer, wie lange sie für Texte und Bilder brauchen — und du unterschätzt, wie lange das Einpflegen dauert, wenn das Material in unsortierten Mail-Anhängen ankommt.
  • Rechtliche Pflichtseiten. Impressum, Datenschutzerklärung, Cookie-Banner mit funktionierender Einwilligung, Auftragsverarbeitungsverträge mit den eingesetzten Diensten. Das ist Arbeit, auch wenn kein Code entsteht.
  • Deployment und Domain. Hosting einrichten, Zertifikate, DNS-Umzug beim alten Anbieter, E-Mail-Weiterleitungen, die auf keinen Fall ausfallen dürfen. Der DNS-Umzug einer bestehenden Firmenseite ist regelmäßig nervenaufreibender als der ganze Rest.
  • Einweisung und Übergabe. Zeige dem Kunden, wie er Inhalte pflegt, und dokumentiere es kurz. Sonst wirst du dauerhaft zum kostenlosen Support-Kanal für Texte, die er selbst ändern könnte.
  • Nachlauf. Die kleinen Korrekturen nach dem Go-Live. Nimm sie bewusst ins Angebot auf, mit klarem Umfang und klarem Ende.

Festpreis oder Stundensatz?

Beides funktioniert, aber nicht für dieselbe Art von Projekt.

Ein Festpreis ist sinnvoll, wenn der Umfang klar definierbar ist: eine Unternehmenswebsite, ein abgegrenztes Feature, eine Automatisierung mit bekannter Schnittstelle. Der Kunde bekommt Planungssicherheit, du bekommst die Chance, effizienter zu sein als kalkuliert — das ist deine Belohnung für Erfahrung. Der Preis dafür: Du trägst das Risiko, und du brauchst eine wasserdichte Leistungsbeschreibung plus ein sauberes Verfahren für Änderungswünsche.

Ein Stundensatz oder Tagessatz passt, wenn der Umfang sich erst im Verlauf klärt: laufende Weiterentwicklung, unklare Alt-Systeme, Beratung. Hier trägt der Kunde das Risiko, und deshalb will er dafür Vertrauen und Transparenz — dokumentierte Zeiten, regelmäßige Zwischenstände, keine Überraschungen auf der Rechnung.

Der pragmatische Mittelweg: Ein bezahlter Konzept- oder Analyse-Block zuerst, klein und klar begrenzt. Danach ein Festpreis für die Umsetzung, der auf echtem Wissen statt auf Vermutungen beruht. Das ist ehrlicher als eine Festpreis-Fantasie nach einem einzigen Erstgespräch — und der Kunde erlebt schon vor dem großen Auftrag, wie du arbeitest.

Was du dagegen nicht tun solltest: einen Festpreis nennen für etwas, das du noch nie gebaut hast, bei einem System, das du noch nie gesehen hast. Das ist kein mutiges Angebot, das ist ein Lottoschein.

Risikopuffer, aber ehrlich

Ein Puffer ist keine Schlamperei-Reserve, sondern die Bepreisung von Unsicherheit. Deshalb sollte er nicht pauschal über die Gesamtsumme gelegt, sondern dort verortet werden, wo die Unsicherheit tatsächlich sitzt: bei der undokumentierten Schnittstelle, bei der Datenmigration aus dem Alt-System, bei dem Kunden, der schon in der Angebotsphase langsam antwortet.

Je unklarer eine Position, desto größer der Aufschlag auf genau diese Position. Und wenn eine Unbekannte so groß ist, dass du sie nicht seriös bepreisen kannst, gehört sie nicht in den Festpreis, sondern in einen eigenen, nach Aufwand abgerechneten Block — mit einer klaren Obergrenze, ab der ihr neu sprecht. Das ist für den Kunden nachvollziehbar, weil es ehrlich ist.

Rechenbeispiel

Wie die Formel aus der Kurzantwort zusammenspielt, zeigt ein frei gewähltes Beispiel: eine Unternehmenswebsite mit acht Seiten. Stunden, Aufschläge und Stundensatz sind ausgedachte Annahmen zur Veranschaulichung, keine Marktdaten — setze deine eigenen Werte ein.

PositionGeschätztRisikoaufschlagKalkuliert
Konzept und Seitenstruktur8 h–8 h
Design-Umsetzung und Templates24 h–24 h
Content-Einpflege (8 Seiten)10 h+30 % (Material kommt unsortiert)13 h
Rechtliche Pflichtseiten und Cookie-Einwilligung6 h–6 h
Deployment, Domain und DNS-Umzug6 h+50 % (alter Anbieter unbekannt)9 h
Kommunikation und Feedbackschleifen12 h+25 % (Kunde antwortet langsam)15 h
Einweisung, Übergabe und Nachlauf6 h–6 h
Summe72 h+9 h81 h

Gerechnet mit einem angenommenen Stundensatz von 90 Euro netto ergeben die 72 geschätzten Stunden 6.480 Euro, die 9 Stunden Risikoaufschlag weitere 810 Euro. Dazu kommen angenommene 200 Euro Fremdkosten für Bildlizenzen. Der Festpreis liegt damit bei 7.490 Euro netto — als Untergrenze, nicht als automatisch richtiger Preis.

Festpreis heißt Werkvertrag

Vorab die Pflicht-Einordnung: Das ist eine allgemeine Einordnung, keine Rechtsberatung. Für konkrete Verträge und AGB gehört ein Anwalt an den Tisch.

Wer einen Festpreis für ein definiertes Ergebnis anbietet, schließt in der Regel einen Werkvertrag nach § 631 BGB. Geschuldet ist dann der vereinbarte Erfolg, nicht die aufgewendete Zeit. Für einen Vertrag über Erstellung und Hosting einer Website hat der BGH das so eingeordnet (Urteil vom 4. März 2010, III ZR 79/09). Das hat Folgen, die du beim Angebot gleich mitdenken solltest:

  • Abnahme (§ 640 BGB). Der Kunde ist verpflichtet, das vertragsgemäß hergestellte Werk abzunehmen. Setzt du ihm nach Fertigstellung eine angemessene Frist und verweigert er die Abnahme nicht innerhalb dieser Frist unter Angabe mindestens eines Mangels, gilt das Werk als abgenommen. Ist der Kunde Verbraucher, tritt diese Wirkung nur ein, wenn du ihn zusammen mit der Aufforderung zur Abnahme auf die Folgen hingewiesen hast — und zwar in Textform.
  • Abschläge (§ 632a BGB). Du kannst Abschlagszahlungen in Höhe des Wertes der bereits erbrachten und nach dem Vertrag geschuldeten Leistungen verlangen. Die Leistungen musst du durch eine Aufstellung nachweisen, die eine rasche Beurteilung ermöglicht. Praktisch heißt das: Meilensteine ins Angebot schreiben, die jeweils einen klar abgrenzbaren Leistungsstand beschreiben — dann ist für beide Seiten klar, wofür ein Abschlag fällig wird.
  • Kostenanschlag (§ 649 BGB). Nicht jede Zahl im Angebot ist ein Festpreis. Hast du nur einen Kostenanschlag abgegeben, ohne die Gewähr für seine Richtigkeit zu übernehmen, und ist eine wesentliche Überschreitung zu erwarten, musst du das dem Kunden unverzüglich anzeigen. Kündigt er deswegen, steht dir nur ein der geleisteten Arbeit entsprechender Teil der Vergütung plus Ersatz nicht inbegriffener Auslagen zu.

Der Preis ist nicht deine Kostenrechnung

Zum Schluss der wichtigste Punkt: Der Aufwand bestimmt deine Untergrenze, nicht deinen Preis. Was ein Projekt wert ist, hängt daran, was es beim Kunden bewirkt. Eine Website, über die ein Handwerksbetrieb neue Aufträge gewinnt, hat einen anderen Wert als ein optisches Update ohne wirtschaftliche Wirkung — auch wenn beide gleich viele Tage kosten.

Deshalb lohnt sich im Erstgespräch die Frage, was passieren soll, wenn das Projekt funktioniert. Die Antwort verändert oft nicht nur den Preis, sondern das ganze Angebot: Manchmal ist das, wonach der Kunde gefragt hat, gar nicht das, was ihm hilft. Wer das erkennt und begründet anders anbietet, konkurriert nicht mehr über den Preis.

Und wenn du unsicher bist, ob deine Zahl realistisch ist: Im Discord der Community sprechen einige von uns ziemlich offen über Kalkulationen, die aufgegangen sind — und über die, die es nicht taten.